Litauen · Kultur

Litauische Kultur

Die litauische Kultur ist eine Mischung aus uralten baltischen Traditionen, jahrhundertelangem europäischen Einfluss und einem starken Stolz auf eine Sprache und Identität, die alles überstand, was das 20. Jahrhundert bot. Sie zeigt sich in Liedern, Handwerk, Essen, Festen und im Alltag eines Volkes, das weiß, was es gekostet hat, zu sein, wer es ist.

Lithuanian Song and Dance Festival

Das Litauische Sang- und Tanzfest, eines der größten Volksfeste Europas

Das Sängerfest, Herz der Kultur

Alle paar Jahre hält Vilnius inne. Zehntausende Sängerinnen und Sänger sowie Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Litauen und der litauischen Diaspora rund um die Welt versammeln sich zum Sänger- und Tanzfest. Das erste Fest fand 1924 statt. Heute ist es eines der größten Volkstreffen weltweit, von der UNESCO neben den lettischen und estnischen Pendants als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Es ist nicht bloß eine kulturelle Veranstaltung. Es ist ein politisches Symbol, ein Akt nationalen Gedächtnisses. In sowjetischer Zeit war das Sängerfest einer der wenigen Orte, an denen Litauer ihre Identität öffentlich zeigen konnten. Die Lieder waren nicht nur Melodien. Sie waren eine Sprache, die die sowjetischen Behörden nicht ganz zum Schweigen bringen konnten. Als die Teilnehmer des Baltischen Wegs sich 1989 die Hände reichten, sangen sie die Lieder dieses Festes.

Die Daina, lebendiges Gedächtnis

Die litauischen Volkslieder, die dainos, gehören zu den reichsten Schätzen der Vokaltradition weltweit. Oft sind sie polyphon, mehrere Stimmen verflechten sich zu komplexen harmonischen Mustern. Sie singen von der Natur, von Liebe, Arbeit, Tod, Kriegen und ruhigen Morgenstunden. Viele sind hunderte Jahre alt.

Bemerkenswert ist, wie lebendig diese Tradition geblieben ist. In ganz Litauen lernen Jugendensembles alte Lieder. Universitäten bieten Studiengänge in Ethnomusikologie an. Eltern bringen ihren Kindern die Lieder der eigenen Eltern bei. Diese Tradition lebt nicht nur in Museen, sondern im Rhythmus des Alltags.

"Die Litauer singen, wenn sie geboren werden, wenn sie sterben und wenn sie den Sommer begrüßen. Singen ist nicht etwas, das sie tun. Es ist, was sie sind."

Bernstein, das baltische Gold

Bernstein gehört ebenso zur litauischen Kultur wie die Sprache oder die Flagge. Er findet sich an den Ostseeufern, und die Tradition des Sammelns und Bearbeitens reicht Jahrtausende zurück. Litauischer Bernsteinschmuck, von einfachen rohen Tropfen bis zu kunstvollen Kombinationen aus Silber und Bernstein, wird auf jedem Souvenirmarkt und in jedem Fachgeschäft angeboten.

Bernstein ist aber nicht bloß ein Mitbringsel. Er trägt kulturelles Gewicht. Bernstein in den Hochzeitsschmuck einzuarbeiten ist ein alter Brauch. Manche glauben an seine heilenden Eigenschaften, und man findet Geschäfte, die Bernsteinketten als Mittel gegen verschiedene Beschwerden anbieten. Ob man das nun teilt oder nicht, der Glaube ist alt und ernst gemeint.

Leinen und Webkunst

Litauen hat eine tiefe Tradition im Leinenweben. Über Jahrhunderte zählte das Land zu den bedeutendsten Leinenproduzenten Europas. Traditionelle litauische Stoffe sind häufig geometrisch gemustert, mit Schwarz, Weiß und erdigen Rotbrauntönen. Sie wurden für alles Mögliche gebraucht, von Tischtüchern über Anzugstoffe bis hin zu Kissenbezügen und festlichen Schultertüchern.

Traditionelle Leinenstoffe werden in Litauen bis heute gefertigt. Man findet sie in spezialisierten Geschäften und auf den Märkten in Vilnius und anderen Städten. Sie gehören zu den hochwertigsten und ehrlichsten Souvenirs, die man mit nach Hause nehmen kann.

Feste und Bräuche im Jahreslauf

Der 16. Februar (Tag der Unabhängigkeit) und der 11. März (Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit) sind die wichtigsten Nationalfeiertage und werden mit echtem Ernst und tiefem Gefühl begangen. Joninės, die Johannisnacht am 24. Juni, ist der älteste und fröhlichste aller Festtage. An der Sommersonnenwende lodern die Feuer, Farnkränze werden geflochten, und am Ufer der Flüsse und Seen wird getanzt. Kūčios, der Heilige Abend, ist ein besonders wichtiges Familienfest mit zwölf fleischlosen Gerichten auf dem Tisch, von denen jedes für einen Monat des Jahres steht.

Zeitgenössische Kunst und kreative Szene

Vilnius hat heute eine wirklich rege Szene für zeitgenössische Kunst. Galerien, studentische Ausstellungsräume und unabhängige Kreativzentren verteilen sich über die ganze Stadt. Das Užupis-Viertel ist ein natürlicher Schwerpunkt, doch das künstlerische Leben hat sich längst weit darüber hinaus ausgedehnt. Litauische Fotografinnen, Bildhauer und Textilkünstlerinnen erringen internationale Anerkennung. Die Streetart in Vilnius ist beachtlich, weniger Graffiti als vielmehr sorgfältig komponierte Wandbilder, die zugleich von der Geschichte der Stadt und von ihrer Gegenwart sprechen.

Die litauische Sprache als Kultur

Wer die litauische Kultur verstehen will, muss begreifen, dass die Sprache selbst ein kultureller Akt ist. Sie ist eine der ältesten lebenden Sprachen der Welt und steht dem altindischen Sanskrit näher als die meisten europäischen Idiome. Vierzig Jahre lang, im 19. Jahrhundert, war ihr Druck verboten. Sie überlebte, weil einfache Menschen ihre Freiheit aufs Spiel setzten, um sie am Leben zu halten. Wenn Litauer heute ihre Sprache sprechen, auch in einem beiläufigen Gespräch, beteiligen sie sich an einer Tradition des Widerstands und der Identität, die jahrhundertelang zurückreicht. Dieses Bewusstsein ist nie ganz abwesend.