Ursprünge und baltische Stämme
Lange bevor Litauen auf einer Karte auftauchte, bauten die Balten eine Zivilisation an den Ufern der Ostsee auf. Ihre Geschichte beginnt um 3.000 v. Chr., und ist in mancher Hinsicht nie wirklich zu Ende.
Wer waren die Balten?
Die Balten sind eine Gruppe indoeuropäischer Völker, zu denen die alten Litauer, Letten und Pruzzen gehören, dazu mehrere kleinere Stämme, die im Lauf der Zeit aus der Geschichte verschwanden. Sie siedelten an den südlichen und östlichen Ufern der Ostsee vor etwa fünftausend Jahren, manche Forscher gehen sogar noch weiter zurück. Es ist ein wirklich altes Volk.
Über viele Jahrhunderte hinweg standen die Balten oft im Schatten mächtigerer Nachbarn. In einem Punkt aber heben sie sich von fast allen anderen Völkern ab, und das ist ihre Sprache. Litauisch zählt zu den archaischsten lebenden Sprachen der Welt. Linguisten finden in ihm Strukturen, die dem altindischen Sanskrit näher stehen als die meisten modernen europäischen Sprachen. Wer wissen möchte, wie indoeuropäische Sprecher vor Jahrtausenden geklungen haben mögen, sollte einem litauischen Gespräch zuhören. Es ist erstaunlich.
Die Bernsteinküste
Die Balten waren nicht abgeschnitten von der weiteren Welt, ganz im Gegenteil. Ihre Küsten waren der größte Bernsteinlieferant Europas, und Bernstein bedeutete in der Antike ernsthaften Reichtum. Ägyptische Pharaonen, griechische Aristokraten und römische Patrizier wollten ihn alle haben. So entstand eines der frühesten Handelsnetze Europas: die Bernsteinstraße, die das baltische Ufer durch Hunderte Kilometer Flüsse, Wälder und Bergpässe mit dem Mittelmeerraum verband.
Das bedeutet, dass die Balten lange vor jeder schriftlichen Erwähnung mit den großen Kulturen der Antike in Kontakt standen. Bernsteinperlen wurden in ägyptischen Gräbern gefunden. Baltischer Bernstein tauchte in griechischen Tempeln auf. Die Handelsverbindungen reichten weit zurück.
Der Austausch verlief nicht nur in eine Richtung. Die Balten importierten Bronze, Glas und andere Manufakturwaren aus dem Süden und Westen. Sie waren keineswegs bloße Waldbewohner. Sie waren aktive Teilnehmer der europäischen Zivilisation.
Perkūnas, Eichen und die heiligen Haine
Die baltische Religion war fest in der Natur verwurzelt. Der höchste Gott war keine ferne, unbegreifliche Gestalt, sondern Donner und Blitz selbst, alles, was lebendig und mächtig wirkte. Perkūnas, der Donnergott, stand über allen anderen. Er war der Gott der Gerechtigkeit, der Eichen und des Krieges. Seine Geschichten erinnern an den nordischen Thor oder den slawischen Perun, nicht weil diese Völker voneinander entlehnt hätten, sondern weil sie alle dieselben uralten indoeuropäischen Wurzeln teilen.
Die Balten ordneten ihr religiöses Leben um heilige Eichenhaine, gepflegt von Priesterinnen namens vaidilutės, die ein ewiges heiliges Feuer hüteten. Dieses Feuer durfte niemals erlöschen. Es stand für das Leben der Gemeinschaft und ihre Verbindung zum Göttlichen.
Diese Tradition saß so tief, dass Litauen das letzte Land Europas wurde, das offiziell zum Christentum übertrat, und das erst 1387. Das ist nicht nur eine Schulbuchzahl. Als England längst seine Kathedrale in Canterbury hatte und Italien schon die Renaissance erlebte, ehrten die Litauer noch Perkūnas, und in den heiligen Hainen brannte noch das Feuer.
Die erste schriftliche Erwähnung Litauens
Das Jahr 1009 kennt jeder Litauer auswendig. In diesem Jahr taucht Litauen erstmals in einer Schrift auf, in den Quedlinburger Annalen, die das Martyrium des Missionars Bruno von Querfurt an der Grenze zwischen Litauen und der Rus beschreiben. Der Chronist schrieb "Lituae", und damit war ein Name geboren, der mehr als tausend Jahre überdauern sollte.
Litauen existierte natürlich auch vorher schon. Niemand hatte es nur aufgeschrieben. In jenen Tagen lebten die Balten in Stämmen, ohne zentrale Macht und ohne Städte, wie wir sie heute kennen. Aber sie hatten ihre Sprache, ihre Glaubensvorstellungen, ihre Bräuche und das Bewusstsein, ein Volk zu sein. Dieses Bewusstsein erwies sich als stark genug, alles zu überstehen, was noch kommen sollte.
Warum diese alten Wurzeln noch heute zählen
Wer Litauen heute besucht, denkt vermutlich nicht an die Bronzezeit oder an antike Bernsteinrouten. Doch die Verbindungen sind weiter da. Litauisch, diese archaische, uralte Sprache, lebt weiter. In Vilniuser Cafés wird sie gesprochen, in Schulen gelernt, in den sozialen Medien geschrieben. Sie ist eine lebendige Brücke in die ferne Vergangenheit.
An der Ostseeküste wird weiterhin Bernstein gesammelt. Die Küstenstädte verkaufen Bernsteinschmuck mit Traditionen, die bis zu jenen alten Handelsbeziehungen mit dem Mittelmeerraum zurückreichen. Und Perkūnas, nun, er wird nicht mehr verehrt, doch sein Name lebt in litauischen Sprichwörtern fort, und manche Volksbräuche tragen unverkennbar Spuren jener alten Tage.
Alles Übrige in der litauischen Geschichte, das Großfürstentum, die Adelsrepublik, die Unabhängigkeit, alles ruhte auf diesem alten Fundament. Ein Volk, das jahrtausendelang überlebte und sich anpasste, bis sein Stamm endlich seinen Platz auf der Karte der Welt fand.